Mit dem Verweis auf immer mehr Schülerinnen und Schüler, die hinter den Mindeststandards zurückbleiben attestiert das Main-Echo Deutschland eine „Bildungsmisere“. Den Hauptgrund benennt BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann im Gespräch dazu sofort: “Wir brauchen dringend mehr Zeit und Ressourcen für alle Schülerinnen und Schüler.“
Der Lehrkräftemangel ist derart eklatant, dass es gerade beim Blick auf immer neue Studien zu fehlenden Kompetenzen eine klare Fokussierung auf das Wesentliche braucht: „Wenn es zu wenig Lehrer und zu viel Herausforderungen gibt, dann können wir die Schule nicht mit noch mehr Herausforderungen belasten“, stellt Simone Fleischmann klar. „Deswegen müssen wir uns auf die Förderung der Basiskompetenzen fokussieren, also Lesen, Schreiben, Rechnen. Danach können wir immer noch überlegen, wie wir den Kindern Radfahren, Schwimmen oder gesunde Ernährung beibringen. Auch Alltags- oder Finanzkompetenzen sind wichtig, keine Frage. Aber immer weniger Lehrer können nicht immer mehr leisten. Wir saufen im Chaos ab!“
Mehr Menschen, die helfen…
Besonders bitter ist das in Bayern für Schülerinnen und Schüler, die es ohnehin schwer haben: „In Bayern bleiben deutlich mehr Kinder aus Familien, die weder finanziell noch ideell unterstützen können, auf der Strecke als in anderen Bundesländern“, bemängelt die BLLV-Präsidentin die fehlende Bildungsgerechtigkeit. „Und wir sind das reichste Bundesland!“
Das bedeute einen Verlust von Talenten, den sich unsere Gesellschaft auch wirtschaftlich nicht leisten kann. Das gilt aus Fleischmanns Sicht besonders für Mittelschulen. Sie verweist auf „sozioökonomisch schwache Familienverhältnisse“, aus denen sich besondere Bedürfnisse ableiten: „Diese Kinder brauchen nicht nur ausreichend ausgebildete Lehrer, sondern auch Unterstützungssysteme außerhalb der Schule. Gerade diese Kinder brauchen mehr Menschen. Menschen, die ihnen helfen. Mehr Menschen in der Erziehungsberatung, in der Sozial- und in der Jugendarbeit, mehr Kinder- und Jugendpsychiater. Und eben mehr Lehrer für die Arbeit in Kleingruppen, für Förderkurse für den Lese-Rechtschreibschwäche-Kurs.“
Bildung braucht Beziehung
Es brauche daher bessere Arbeitsbedingungen, Entlastung und Veränderungen in der Lehrkräfteausbildung um dem Personalmangel langfristig beizukommen. Akut könnten Quereinsteiger natürlich Löcher stopfen, das habe aber Auswirkungen auf die Bildungsqualität: „Ein Quereinsteiger kann keinen Lehrer ersetzen, der das fünf Jahre lang studiert hat“, stellt die BLLV-Präsidentin klar.
Fleischmann warnt auch davor, Digitalisierung hier als Allheilmittel zu verkennen. Es gebe zwar enorme Chancen, insbesondere in der individuellen Förderung, das habe aber pädagogische Grenzen: „Dass Kinder eine Beziehungsebene brauchen und Maschinen keine Menschen ersetzen können, hat die Corona-Pandemie mehr als deutlich gezeigt.“
Schule ist kein Reparaturbetrieb sondern Spiegel der Gesellschaft
Der Vorwurf, die Schülerinnen und Schüler würden immer schwieriger, weist Simone Fleischmann als undifferenziert zurück. Sie wünscht sich stattdessen eine Gesellschaft, die nicht reflexartig ihre Probleme von den Schulen gelöst haben möchte, sondern die Kindern und Jugendlichen die Vorbilder stellt, die diese eigentlich bräuchten: „Die Schüler verändern sich, so wie sich unsere Gesellschaft verändert“, stellt die BLLV-Präsidentin klar. „Bei den Kindern ist nun das angekommen, was wir Erwachsene seit fünf oder zehn Jahren erleben: Wir sind abhängig von digitalen Endgeräten, wir leben in Hektik, niemand hat Zeit, wir erleben Politiker, die nach Bundestagswahlen völlig anders agieren als vorher versprochen, wir erleben Kriegssituationen, die lange Zeit undenkbar schienen. Es ist nichts mehr verlässlich. Da ist es kein Wunder, dass all das an Kindern, vor allem an solchen, denen zu Hause der emotionale, physische und psychische Rückhalt fehlt, nicht spurlos vorbeigeht. Wir haben den Spiegel der Gesellschaft in unseren Sitzkreisen. Die Probleme der Gesellschaft zeigen sich dort verschärft.“
» zum kompletten Interview bei Main-Echo: “‘Wir saufen im Chaos ab!‘ - Warum unsere Kinder mehr Menschen brauchen, die für sie da sind“ (kostenpflichtig)

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„Immer weniger Lehrer können nicht immer mehr leisten!“
Das Main-Echo spricht auf der Suche nach Gründen für die aktuelle „Bildungsmisere“ mit BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann. Sie schildert die Auswirkungen des Ressourcenmangels und was Kinder heute in den Schulen am dringendsten brauchen.