In der Diskussion darüber, wie der von Bundesinnenministerin Faeser vorgestellte neue Bericht zur polizeilichen Kriminalstatistik zu interpretieren ist, warnt BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann vor "zu viel Wirbel um Zahlen". Diese besagen, dass der Anteil von Kindern unter Tatverdächtigen bei Gewaltdelikten um 11,3 Prozent zugelegt hat, bei Jugendlichen um 3,8 Prozent.
Im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk fordert Fleischmann vor allem „Programme zur Stärkung der Resilienz“. Die Politik seit gefordert, dafür die nötigen Mittel bereitzustellen. Die BLLV-Präsidentin betont zudem, dass eine Kultur des gewaltfreien Miteinanders, in dem sich mit Toleranz und Respekt begegnet wird, Auftrag der Gesellschaft insgesamt ist. Denn das Agieren in Politik und Öffentlichkeit zeige sich an den Schulen „wie in einem Brennglas“.
Sinkende Hemmschwellen überall
So sei es absolut nicht hilfreich, wenn Eltern beispielsweise laufenden Unterricht unterbrechen, um sich lautstark über vermeintlich ungerechte Leistungsrückmeldungen ihres Kindes beschweren, und dabei jedes Maß an Respekt vermissen lassen. Da dürfe sich niemand wundern, wenn die Hemmschwelle für Grenzüberschreitungen bei Schülerinnen und Schülern immer weiter sinke. Das zeige sich sogar bei Schulhofschlägereien, die inzwischen selbst dann noch weitergeführt werden, wenn jemand schon am Boden liegt.
Besonders problematisch ist aus Sicht des BLLV in diesem Zusammenhang die Verengung der Diskussion auf den Migrationshintergrund. Denn beim Blick auf die Zunahme bei jugendlichen Tatverdächtigen nichtdeutschen Ursprungs werden oft mehrere Aspekte unterschlagen: Zum einen hat der Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund insgesamt zugenommen, folglich auch deren Anteil in der Statistik. Zum anderen sind unter den Tatverdächtigen vor allem junge Männer und der Anteil junger Männer ist unter Menschen mit Migrationshintergrund besonders hoch. Außerdem erfasst die Statistik keine Straftaten mit rechtskräftiger Verurteilung, sondern Verdächtige. Auch hier sind Menschen mit Migrationshintergrund überrepräsentiert, weil sie laut Umfragen häufiger von der Polizei kontrolliert werden. Des Weiteren leben Migranten häufig in Gegenden mit einer generell höheren Kriminalitätsrate auch unter Einheimischen, wodurch die Wahrscheinlichkeit wächst, als tatverdächtig erfasst zu werden. „Schnellschüsse und allein der Blick auf den Migrationshintergrund helfen überhaupt nicht weiter“, resümiert Simone Fleischmann daher.
Nicht einreißen, was Lehrkräfte mühsam aufbauen
Denn die unsachgemäße Verengung der Diskussion wirkt sich unmittelbar auf den Schulfrieden aus. „Wir dürfen zwar auf diesem Auge nicht blind sein, aber wir können nicht einfach sagen, das sind die Migrantenkinder, die Gewalt ausüben – denn damit machen wir alles kaputt, was positive Migrationspolitik bedeutet“, warnt die BLLV-Präsidentin. „Das wird Kindern nicht gerecht und führt nicht zu einer Gesellschaft des offenen Miteinanders.“
Fleischmann wünscht sich ein generelles Umdenken bei Eltern, Politikern und der Gesellschaft insgesamt, denn Schülerinnen und Schülern agieren eben so, wie sie es vorgelebt bekommen. „Kinder brauchen vor allem Vorbilder und wenn die negativ sind, ist das kein Wunder“, stellt die BLLV-Präsidentin klar.
Wichtig nehmen, was wichtig ist!
Bundesinnenministern Faeser sagte bei der Vorstellung der Zahlen, dass es auf gute Sozial- und Bildungspolitik ankomme, sie sei die beste Prävention. Aus Sicht des BLLV heißt das eben auch, den Auftrag von Schule so zu fokussieren, dass für diese gesellschaftlich essenziell wichtigen Themen Raum, Zeit und Personal zur Verfügung steht – und das ist genau Aufgabe der politisch Verantwortlichen.
» zum Bericht bei BR24: ‘Besorgniserregend‘: Mehr Gewalt bei Kindern und Jugendlichen“

Bundesbericht Gewaltkriminalität
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Mehr tatverdächtige Kinder und Jugendliche: Schulen brauchen Unterstützung
Neue Kriminalstatistik zeigt mehr junge Tatverdächtige bei Gewaltdelikten. BLLV-Präsidentin Fleischmann fordert Programme zur Stärkung der Resilienz, eine Fokussierung des Aufgabenspektrums an Schulen und eine Gesellschaft, die ihrer Vorbildrolle gerecht wird.