Vor einem Jahr hat der Bayerische Ministerpräsident adhoc ein Genderverbot für Behörden verkündet. Das gilt dementsprechend auch für Schulen, wurde dort allerdings auf den öffentlichen Schriftverkehr und das Lehrmaterial begrenzt. Für das Unterrichtsgespräch gilt das Verbot nicht. In Arbeiten von Schülerinnen und Schülern sind Schreibungen mit Sonderzeichen als sogenannte Normabweichungen zu markieren.
Bayern 2 hat nun bei BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann nachgefragt, was die Auswirkungen an den Schulen waren. „Es spricht für die Kolleginnen und Kollegen, dass die Aufregung nicht so groß war, denn wir kriegen das schon hin“, sagt Simone Fleischmann. „Auch wenn in der Politik Aufregung herrscht, setzen wir solche gesellschaftliche schwierigen Themen mit den Schülerinnen und Schülern vor Ort gut um.“
Offener Dialog statt Kopf in den Sand
Jedoch stellt die BLLV-Präsidentin dabei klar, dass die Kinder und Jugendlichen von ihren Lehrkräften zurecht etwas anderes erwarten als die Haltung, die hinter diesem Verbot steht: „Wir arbeiten mit Kindern aus der Generation Z, die äußerst sensibel bei diesem Thema agieren“, berichtet Simone Fleischmann und betont: „Das heißt, wir können es nicht einfach durch Verbote wegwischen, sondern wir müssen in den Dialog gehen. Die Sensibilität, mit allen Geschlechtern transparent und offen umzugehen, ist für unsere Kinder und Jugendlichen so wichtig, das ist fast schon eine Glaubensfrage. Deswegen ist es ganz wichtig, dass wir das im Unterricht mit den Schülerinnen und Schülern thematisieren. Es gibt tolle Projekte dazu, es gibt Unterrichtseinheiten auch mit externen Experten, mit super Material, genau zu diesem Thema. Und das haben die Kolleginnen und Kollegen gemacht.“
Dass es dabei auch zu unterschiedlichen Einschätzungen zwischen Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern komme, sei normal und auch eine Chance. Denn Demokratie heißt eben nicht Basta-Anordnung von oben sondern offener Diskurs: „Genau darüber zu diskutieren, das macht es aus: Das ist Bildung und Erziehung!“, stellt Simone Fleischmann klar und weist besonders dabei auf die Vorbildfunktion von Lehrkräften hin.
Schule heißt Miteinander statt Gegeneinander
Auch im BLLV gibt es durchaus eine offene Debatte, berichtet die Präsidentin, die oft auch abhängig vom Lebensalter anders gesehen und sicherlich auch in den nächsten Jahren weitergeführt werde.
Große Einigkeit herrschte allerdings im Verband zur Aufforderung des Ministerpräsidenten, dass Eltern Verstöße gegen das Genderverbot im Schriftverkehr der Schulen doch bitte melden sollten, was der BLLV dementsprechend deutlich kritisierte. „Wenn man so ein scharfes Verbot verhängt, das ja von vielen sehr kritisch eingeschätzt wurde, und ruft dann auch noch auf, sich bei den Lehrern, bei der Schulleitung zu beschweren, dann ist das echt Anschwärzen – und das ist gar nicht der Umgang, den wir uns wünschen“, stellt Präsidentin Simone Fleischmann klar und ergänzt: „Wir gehen mit dem Thema sensibel um, wir setzen die Vorschrift um, das haben wir ein Jahr lang gezeigt. Also muss man niemanden anschwärzen.“
Sensible Entwicklungsphase berücksichtigen
Als entscheidend stellt Fleischmann indes heraus, wie die Schülerinnen und Schüler selbst das Verbot denn erlebt haben. „Das ist die wichtigste Frage überhaupt. Es gab nämlich zunächst großen Widerstand im Sinne von: ‘Ich lasse mich nicht bevormunden! Ich lasse mir nicht sagen, wie ich reden soll!‘“
Denn Kinder und Jugendlich hätten schon aus entwicklungspsychologischen Gründen ein großes Interesse daran, niemanden auszugrenzen, weiß Fleischmann: „In der Schule, da sitzt die Generation von morgen, da sitzen Jugendliche, die noch nicht so genau wissen: Wer bin ich? Die Persönlichkeitsentwicklung ist nicht abgeschlossen und die stellen sich genau diese Frage: Wo entwickle ich mich auch mit meiner Sexualität hin? Deswegen ist es ein sehr sensibles Thema, vor allem mit Jugendlichen! Wenn Schülerinnen und Schüler auf alle Menschen achten wollen und keinen ausschließen wollen, dann müssen wir das in der Sprache hinkriegen. Wir sollten es nicht durch Verbote ausblenden.“
Es geht um eine integrative Haltung
Die BLLV-Präsidentin betont dazu aber aus eigener Erfahrung, dass dafür die Haltung entscheidender ist als die konkrete Sprache, die Lehrkräfte verwenden. Diese sei wichtiger als möglicherweise ein Gender Gap beim Sprechen: „Meine Haltung ist eine sehr integrative, ist eine überhaupt nicht ausgrenzende. Das nimmt man mir ab. Auch, wenn ich nur ‘Lehrerinnen und Lehrer‘ sage. Es geht um die Haltung dahinter.“
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Pädagogisch geht’s um etwas anderes
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Ein Jahr Genderverbot: „Wir arbeiten mit Kindern, die da sehr sensibel sind“
Der Bierzeltapplaus war laut, die kalkulierte Aufregung groß. An den Schulen hat Söders Genderverbot indes wenig verändert, weil die pädagogische Aufgabe für Lehrkräfte natürlich weiterlief: Schülerinnen und Schüler integrativ bilden und selbst Vorbild sein.