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Einfache „Lösungen“ für ein komplexes Problem: Das Versagen der Politik in Zeiten des Lehrermangels

Eine Landtagsanfrage zeigt: Zu wenige Jugendliche studieren Lehramt. Teilzeit einschränken ist da kontraproduktiv, meint Dienstrechts-Experte Hans Rottbauer. BLLV-Präsidentin Fleischmann warnt beim Quereinstieg vor Entprofessionalisierung des Lehrberufs.

Hintergrund: Medien wie die Süddeutsche Zeitung berichten über das Ergebnis einer Landtagsanfrage der SPD. Demnach hat sich der Anteil der Lehramtsstudierenden unter Abiturientinnen und Abiturienten von 14,8 Prozent im Jahr 2013 auf 6,8 Prozent im Jahr 2022 mehr als halbiert.
» Zum Bericht: „Lehramtsstudium bei Abiturienten nicht mehr erste Wahl“



Dazu Hans Rottbauer, Leiter der Abteilung Dienstrecht und Besoldung im BLLV:

"Wieder einmal haben wir das, was wir eigentlich alle schon wissen, schwarz auf weiß präsentiert bekommen. Die Anfrage der SPD zu den Zahlen der Studienanfänger für die Lehrämter in Bayern zeigt es deutlich: Immer weniger Abiturienten entscheiden sich für ein Lehramtsstudium. 2013 waren es noch 14,8 Prozent des damaligen Abiturjahrgangs, die sich für das Lehramt entschieden. 2022 waren es dann weniger als die Hälfte. Nur noch 6,8 Prozent des Abiturjahrganges wählte den Weg ins Lehramt. Nicht nur die SPD, sondern viele andere auch, warnen nun angesichts der Zahlen vor einem dramatischen Lehrermangel.

Wobei, genau betrachtet: Wir stecken schon mitten drin in diesem dramatischen Lehrermangel.  Nicht ohne Grund hat der ehemalige Kultusminister Piazolo schon 2020 mit seinem Piazolo-Paket Notmaßnahmen für die Grund-, Mittel- und Förderschulen ergriffen.

Ja, und jetzt stellt man fest, dass die Lage nicht besser, sondern eher noch schlechter wurde. Nun ist guter Rat teuer.

Die Problematik ist vielschichtig und komplex. In Zeiten eines allgemeinen Fachkräftemangels konkurrieren alle Bereiche um die künftigen Arbeitskräfte – in unserem Fall die Abiturienten. Jede Branche versucht möglichst viele Bewerber auf ihre Seite zu bringen. Gelockt wird mit Geld, Freizeit, optimaler work-life-balance und vielem mehr. Die Gesetzmäßigkeiten der Werbung in der freien Marktwirtschaft kommen zum Tragen. Wer am meisten bieten kann, bekommt die Bewerber.

Und was macht in dieser Situation der Freistaat Bayern oder, besser gesagt, die Politik in Bayern? Man sucht, wie gehabt, einfache Lösungen, ignoriert die Gesetze des Marktes, erreicht genau das Gegenteil von dem, was man möchte, und flickschustert munter weiter.

Wie gesagt, der Lehrermangel kommt nicht – er ist schon da. Auch 2020 schon bediente man sich der einfachsten Lösungen. Wenn zu wenige LehrerInnen da sind, müssen einfach diejenigen, die man noch hat, mehr arbeiten. Einschränkungen beim Ruhestandseintritt auf Antrag und bei der Teilzeit sollten im Rahmen des Piazolo-Pakets die Unterrichtsversorgung retten. Was war der Erfolg? Diejenigen, die schon im Dienst waren, wurden in einer noch nie da gewesenen Anzahl in die Teildienstfähigkeit oder gar Dienstunfähigkeit getrieben und diejenigen, die man für den Beruf werben wollte, wendeten sich ab, was die Zahlen aus der SPD-Anfrage jetzt deutlich zeigen.

Trotzdem aber macht man weiter wie immer: Aus den Reihen der Regierungsparteien hört man vom einfachen Abgeordneten bis hin zum Ministerpräsidenten wieder einmal, dass man doch nur die Teilzeitmöglichkeiten der Lehrkräfte einschränken müsse, um genügend Lehrerstunden zu bekommen. Die vermeintlich einfachste aller Lösungen, von der wir wissen, dass sie schlicht nicht funktioniert.

Von den verheerenden Folgen mit Blick auf Dienstunfähigkeit und Teildienstfähigkeit bei denjenigen, die schon im Dienst sind, abgesehen, macht eine solche Maßnahme den Beruf auch noch unattraktiv für diejenigen, die ihn nach Möglichkeit ergreifen sollen.

Statt kurzfristig mit Ach und Krach durch solche Maßnahmen einen, wenn überhaupt, minimalen Erfolg zu erzielen, bräuchte man endlich für das komplexe Problem des Lehrermangels ein durchdachtes Konzept, das dann vielleicht nicht kurzfristig, aber mittel- und langfristig wieder genügend Lehrkräfte für Bayerns Schulen generiert.

Solange aber die Attraktivität des Lehrerberufs durch solche Pläne torpediert wird, die familienfreundliche Koalition ihre Familienfreundlichkeit durch Einschränkungen in der Teilzeit bei Lehrkräften in die Tonne tritt, werden wir nicht mehr Lehrerinnen und Lehrer bekommen. Der Abwärtstrend wird vielmehr weitergehen und beschleunigt."

» Wie es genau nicht geht: „Lehrermangel: Würzburger CSU-Landtagsabgeordneter Jungbauer will Teilzeitanspruch für Lehrer stärker begrenzen“ (Bericht der Augsburger Allgemeinen)

<< Hans Rottbauer, Leiter der Abteilung Dienstrecht und Besoldung im BLLV
 

Einschätzungen von BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann


Dass der Rückgang an Studierenden vor allem bei den Mittelschulen dramatisch ist, findet BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann alarmierend, wie sie im Gespräch mit Medienvertretern von epd und Süddeutscher Zeitung betont: "Alle aktuellen Zahlen der Integration und Inklusion zeigen uns, dass die Herausforderungen an den Mittelschulen besonders hoch sind. Die schwächsten Kinder bräuchten die stärksten Lehrer!"

Es sei aber ein Fortschritt, dass der Lehrermangel zumindest nicht mehr vertuscht werde: "Es ist ja schon mal ein positives Zeichen, dass die CSU und die Freien Wähler inzwischen anerkennen, dass es einen Mangel an Lehrerinnen und Lehrern gibt.", sagt Fleischmann im Mediengespräch.

Angesichts der Sondermaßnahmen für Quereinsteiger gelte zwar: "Es ist besser, einen Menschen zu haben, der für die Kinder da ist, als niemanden.“ Der BLLV fordert aber, professionelle Pädagogik weiter als oberstes Prinzip zu verfolgen. Der Quereinstieg als „logische Maßnahme“ gegen akuten Lehrermangel darf nicht zu „schleichender Entprofessionalisierung“ führen, betont Simone Fleischmann.

Mit Blick auf Defizite bei den Kernkompetenzen gebe es beispielsweise komplexe Programme fürs Lesenlernen, die schon für "grundständig ausgebildete Lehrer nicht einfach so umzusetzen“ seien. Ein angelernter Informatiker als Quereinsteiger sei damit erst recht überfordert, meint die BLLV-Präsidentin.